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Coaching in Amerika von Andres Furger


Bericht von Andres Furger - Oktober 2010

 

Reiche Amerikaner pflegten das Coaching um 1900 im großen Stil. Heute wird das traditionelle Fahren mit vier Pferden in den USA immer noch auf hohem Niveau gepflegt. Eines der herausragenden Ereignisse dafür ist das alle zwei Jahre in den Berkshires abgehaltene Coaching Weekend (bei Stockbridge im Staate Massachusetts). Dabei kommt jeweils ein gutes Dutzend Coachgespanne aus ganz Amerika zusammen. Deutsche Warmblüter aus Sachsen, Oldenburg und Hannover sind dabei als Kutschpferde besonders beliebt.


Damals und Heute

Der Funke des Coaching sprang schon früh auf die Vereinigten Staaten über. Bereits im Jahre 1875 wurde nach englischem Vorbild in New York „The Coaching Club“ gegründet. Mitglied konnte werden, wer eine Park Drag oder eine Road Coach sowie das zugehörige Gespann besaß und dieses auch selbst beherrschte. Jeweils im Frühjahr und im Herbst wurde in New Yorks Central Park ein „drive“ abgehalten. Im Laufe der Zeit kamen Fahrten zu und auf den Landsitzen von Clubmitgliedern dazu. Einige davon lagen in der herrlichen Hügellandschaft der Berkshires im westlichen Massachusetts bei den beiden Städtchen Lenox und Stockbridge (heute wenige Autostunden von New York beziehungsweise Boston entfernt). Hier sind noch heute die alten Villen von bekannten amerikanischen Familien wie Westinghouse (Waschmaschinen), Morgan (Bank) oder Vanderbilt (Eisenbahnen und Schiffe) zu sehen. Die Parklandschaft der Berkshires wurde früh zum Tummelplatz von Mitgliedern der besseren Gesellschaft New Yorks, die in der Sommerfrische ihre Sportaktivitäten weiter pflegten. Dazu gehörte als hoch angesehener Sport das Viererzugfahren. Man fuhr allein oder gemeinsam aus und traf sich in entsprechenden Clubhäusern.

In diesem historischen Umfeld findet seit dem Jahre 2004 das Berkshires Coaching Weekend statt. Ausgangspunkt des alle zwei Jahre stattfindenden Anlasses ist die Orleton Farm, der alte Sommersitz der vor allem in New York lebenden Familien Stokes und Procter (Procter & Gamble). Heute leben hier Mary Stokes Waller und Harvey Waller mit ihren beiden Söhnen. Sie halten gegen 20 Ponys und Pferde, vor allem Schwere Warmblüter aus Sachsen. Zum großen Gut gehört eine respektable Wagensammlung. In den museal eingerichteten Räumen stehen neben den in dieser Zeitschrift jüngst beschriebenen Bugatti-Wagen die historische Road Coach „Old Times“ und einige Kutschen des besten amerikanischen Wagenbauers, Brewster aus New York. Alle Wagen sind fahrtüchtig und werden sowohl von der Dame wie dem Herrn des Hauses selbst gefahren. Der Sohn Ansom fährt eigene Ponygespanne und bläst erfolgreich das Coachhorn. Die Pferde werden vom versierten Fahrer und Fahrrichter Steve Holm betreut, der lange Jahre den Rockefeller-Fahrstall nahe New York betreute. Er trainiert mit großem Geschick, bewundernswerter Ruhe und Konsequenz die deutschen Pferde aus Sachsen, Hannover, Oldenburg und Württemberg.

Am Coaching Weekend der Familie Waller ist auf Schritt und Tritt spürbar, dass hier eine alte Tradition fortgeführt wird. In der Regel sind nur Coachen zugelassen, ausnahmsweise einmal ein Roof-seat Break oder ähnliches Modell. Damals wie heute wird die gesellschaftliche Seite bewusst gepflegt. Der Anlass beginnt jeweils am Freitagabend mit dem „whips-dinner“ für die Fahrerinnen und Fahrer in einer historischen Villa. Das Berkshires Coaching-Weekend gilt mittlerweile dank der Gastfreundschaft der Gastgeber als der wohl schickste Anlass dieser Art in den USA. Er erfolgt auf persönliche Einladung und es gilt als große Ehre, daran teilnehmen zu können. Dementsprechend treten hier alle zwei Jahre die besten Coach-Gespanne Amerikas auf, wovon sich der Schreibende, begleitet von Andreas Huben aus Ladenburg anfangs Oktober selber überzeugen konnte. Dort trafen sie auch auf bekannte Gesichter, waren doch die Präsidenten und Mitglieder der namhaftesten Coaching- und Driving -Clubs Europas ebenfalls eingeladen worden.

On the Road

Den respektablen Zug der herrlichen Gespanne führt am ersten Tag die Gastgeberin mit einer Park Drag des Jahres 1890 an, gebaut von Cowlard & Selby in London. Am nächsten Tag kommt der Gastgeber mit der Road Coach „Old Times“ zum Zuge. Sie ist auf hohem Niveau in den USA restauriert worden, im textilen Bereich in England. Es handelt sich dabei um die wohl bekannteste erhaltene Public Road Coach (1886 vom gleichen Hersteller wie die Park Drag hergestellt). Sie war vor allem zwischen London und Brighton im Einsatz gewesen. Der bekannte Coachman James Selby hatte damit im Juli 1888 auf dieser Strecke einen Rekord aufgestellt: Er fuhr die 108 englische Meilen lange Distanz in sage und schreibe nur acht Stunden, was ein Stundenmittel von 22,5 km/h ergibt. Dafür setzte er acht verschiedene Viererzüge ein. Noch heute liegt die Coach bestens auf der Strasse. Zwar etwas schwerer als eine Park Drag gebaut, rollt sie wunderbar und ist herrlich gefedert. Wie in alten Zeiten trägt der mitfahrende Guard einen roten Rock und die alte Ledertasche mit eingelassener Uhr. Alles ist mit „OT“ beschrieben, das Geschirr (neu angefertigt von Freedman in Canada), der Kessel unter dem Wagen für das Tränken der Pferde ebenso die Kniedecken für Fahrer und Passagiere. Zur Ausrüstung gehören natürlich ein Radschuh ebenso wie ein seitlich angeschnallter Strohkumt, für den Fall, dass sich ein Pferd im schnellen Zug wund scheuert. (Fast alle Gespanne werden an diesem Anlass nach alter Art auf Docken gefahren.)

Wer folgt den Gastgebern? Da ist der Patentanwalt aus New York, der drei polnische Schimmeln und einem Andalusier lenkt. Er fährt die Road Coach „Excelsior“, die im Jahre 1891 von Cowlard & Selby in London hergestellt worden war. Ein Mitglied der bekannten Rockefeller-Familie schickte ein nach Vorlagen von Healey gebauten Shooting Break und deutsche Warmblüter nach Stockbridge. Anwesend sind auch ein Bauunternehmer aus dem fernen Colorado mit herrlichen Kladrubern sowie ein älterer Fahrer, der an Krücken geht, aber auf dem Bock die Leinen wie ein junger Whip führt.

Der italienischstämmige Unternehmer Louis G. Piancone aus New Jersey ist Präsident des prestigeträchtigen amerikanischen Coaching Clubs von New York und wohnt auch dort in der Nähe. Er ist wie viele andere mit einem riesigen Truck angereist, seiner ist groß beschriftet mit „Roma“, dem Namen dessen Importfirma von italienischen Lebensmitteln. Der Mann ist von kleiner Statur, aber eine imposante Erscheinung mit seinem schlohweißen Haar, dem gepflegten Schnurrbart und der ausgesuchten Bekleidung. Wie es die Italiener bis heute lieben, hat er feurige Pferde mit hoher Knieaktion vorgespannt. Sie ziehen die in leuchtenden Farben bemalte Road Coach „Tantivy“. Diese ist unter Kennern bestens bekannt, wurde sie doch 1907 bei Shanks in London gebaut und später vom legendären John M. Seabrook gefahren.

Auf die Orleton Farm sind auch Fahrer angereist, die selber tatkräftig Hand anlegen. Dazu gehört etwa der bekannte Kutschen-Auktionator Paul Martin aus Pennsylvania. Er ist mit vier herrlichen Ponys nach Massachusetts gekommen, die genau zu einer Mini-Ausgabe einer Park Drag passen. Sie wurde vom Brewster in New York gebaut. Überhaupt die Pony-Gespanne: Insgesamt sind drei solche Gespanne am Start.

Der Zug der Coachen startet jeweils um 10 Uhr auf der weitläufigen Orleton Farm. Die Gastgeber geben gleich den Takt an: geschwinder Trab ist angesagt. Voraus fährt die Polizei, welche den Weg frei hält. Es geht durch eine liebliche Landschaft, ein hübsches Haus nach dem anderen im so genannten viktorianischen Stil säumt die Strasse, jeweils mit parkähnlichem Garten und alten Baumbeständen darum herum; man wähnt sich auf der Vorbeifahrt in die Zeit um 1900 zurück versetzt. Dazu erklingen Coachhornmelodien. Fast jedes Gespann führt einen guten Bläser mit. Diese sind leicht zu finden, teilweise sind die aus fernen Gegenden, wie etwa aus Kanada, angereist. Sie geben ihr Bestes, wenn historische Orte wie Stockbridge oder Lenox durchfahren werden, die Zuschauer spendieren reagieren mit frenetischem Applaus.

Nach etwa sechs Meilen Fahrt wird eine historische Villa angesteuert, wo bereits viele Schaulustige warten. Die Kutschen stellen sich auf und werden durch den englischen Fahrkenner John Richards vorgestellt. Nach einer Konkurrenz der Coachhornbläser gehen die Whips und Passagiere zum Lunch, wo zügig gegessen – und kein Alkohol getrunken wird. Nach nochmals etwa sechs Meilen Rückfahrt wird ausgespannt und es folgt ein Cocktail-Empfang in der Scheune auf der Farm der Gastgeber für alle Interessierten.

Hohe Qualität

Im Qualitätsvergleich mit Europa schneidet der Anlass gut ab, echtes Coaching ist hier zu erleben, herrliche Wagen, bester Turnout und gut vorbereitete Pferde. Man kommt bei einem solchen Anlass mit einer Auswahl von handverlesenen Fahrenthusiasten in Kontakt. Mit allen kommt man hier leicht ins Gespräch, die Leidenschaft Fahren verbindet. Solche Fahranlässe werden in Amerika noch mehr als in Europa als soziales Ereignis gestaltet. Beeindruckend ist die Gastfreundschaft und Großzügigkeit der Gastgeber. Beim gemeinsam eingenommenen Lunch, dem Empfang nach der Fahrt oder beim Nachtessen wird diskutiert, gelacht, genossen und werden Freundschaften geschlossen, Typisch dafür, dass manche Europäer mit eingeladen sind und ihnen auf der Fahrt auch mal gerne die Leinen übergeben werden. Die Amerikaner sind stolz, Fahrenthusiasten aus Übersee bei sich aufnehmen zu können – und kommen auch gerne als Gäste an unsere Anlässe.

 

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